"Europaweit Vorreiter": Deutschland hat die ersten Klimadeiche

Der Meeresspiegel steigt, das gilt auch für die Nordsee. Damit die Menschen an der Küste auf lange Sicht geschützt sind, entstehen in Schleswig-Holstein die ersten Klimadeiche. In Büsum und Nordstrand sind sie schon fertig, in Dagebüll haben die Bauarbeiten begonnen. Doch was sind Klimadeiche eigentlich? Und bis wann ist man mit ihnen auf der sicheren Seite? n-tv.de spricht mit Johannes Oelerich, dem Direktor des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz in Husum.

n-tv.de: Herr Oelerich, was unterscheidet den Klimadeich, der zum Beispiel in Nordstrand entstanden ist, von anderen Deichen?


Johannes Oelerich: Mit einem Klimadeich werden zukünftige Entwicklungen berücksichtigt, der weitere Anstieg des Meeresspiegels ist einkalkuliert. Dafür wurde der bereits bestehende Deich etwas verstärkt und erhöht und er ist auf der Seite zum Meer hin flacher als bisher, damit der Seegang auf seiner Außenböschung flach auslaufen kann. Vor allem aber wurde die Krone des bestehenden Deichs deutlich verbreitert, von zweieinhalb auf fünf Meter, und damit eine Baureserve geschaffen: Die nächste Generation kann ihm recht einfach eine Kappe aufsetzen und ihn auf diese Weise nochmals verstärken und erhöhen. Der Deichfuß muss dafür nicht verbreitert werden.

Um wie viel ist die Nordsee in den vergangenen Jahren bereits angestiegen?

Legt man die letzten 70 Jahre zugrunde, sind es 15 bis 20 Zentimeter. Das sind durchschnittlich gut zwei Millimeter pro Jahr. Wir rechnen aber damit, dass der Meeresspiegel künftig stärker steigt. Für die nächsten 100 Jahre gehen wir von einem Anstieg von 50 Zentimetern aus. Aber es gibt Szenarien, nach denen es noch mehr sein könnte.

Und wann wird die Kappe auf dem Klimadeich nötig?

Das merken wir bei den Sicherheitsüberprüfungen. Jeder Deichabschnitt in Schleswig-Holstein wird alle zehn Jahre unter die Lupe genommen; da messen und berechnen wir, ob eine Verstärkung nötig ist. Dann können wir reagieren.

Aber auch ein Klimadeich wird nicht beliebig erweiterbar sein. Bei welchen Werten ist Schluss?

Ein Anstieg von einem bis anderthalb Metern lässt sich mit der Kappe ausgleichen. So weit haben wir bei der aktuellen Konstruktion vorgedacht.

Und was geschieht danach, wenn das Wasser durch Deiche nicht mehr zurückzudrängen ist?

Wir denken heute schon auf 100 Jahre voraus und können Lösungen anbieten, wie wir in den nächsten 100 Jahren auch mit ungünstigen Szenarien der Meeresspiegel-Entwicklung zurechtkommen. Da sind wir, glaube ich, schon sehr weit. Das finden Sie nicht in so furchtbar vielen gesellschaftlichen Bereichen, dass so weit vorgedacht wird. Über diese Zeit hinaus würden wir uns bei Lösungen in den Bereich der Spekulation begeben.

Schon jetzt liegt das Land hinter dem Deich teilweise unter dem Meeresspiegel. Sollte ein Deich brechen, liefe es voll wie eine Suppenschüssel. Wie begegnet man diesem Szenario?

Ja, damit sind wir bereits heute konfrontiert. In Schleswig-Holstein liegt der tiefste Punkt mehr als drei Meter unter dem Meeresspiegel, das ist in der Elbmarsch. Sollte tatsächlich einmal solch ein Unglück eintreten und ein Deich brechen, dann würden solch tieferliegende Regionen in der Tat volllaufen. Man müsste dann nach der Reparatur des Deiches das Wasser mit Schöpfwerken wieder nach draußen bringen.

Kritische Stimmen halten, auf Jahrhunderte gesehen, eine andere Strategie für besser: Der langjährige Leiter der Wattenmeerstation Sylt etwa plädiert für Deiche, die sich öffnen lassen und mit denen man die Gezeiten kontrolliert ein- und ausfließen lassen kann. Denn dann setzen sich bei jeder Sturmflut Sinkstoffe aus der Nordsee auf dem Festland ab, sodass sich die Böden wieder erhöhen. Was sagen Sie dazu?

 Solche Vorschläge werden diskutiert. Es kommt natürlich immer auch darauf an, aus welchem Fachgebiet man kommt. Wenn ein Geologe über dasselbe Phänomen nachdenkt, sind die Spielwiesen nochmal ganz andere. Aber wir müssen uns hier mit der konkreten Situation vor Ort auseinandersetzen - damit, dass die Küstenregionen und Niederungen vom Menschen besiedelt sind, dass man dort wirtschaftet, dass sie seit Jahrhunderten ein Kulturraum sind und fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Da tun wir natürlich alles, um die Küstenregionen mit ihren Bewohnern zu schützen.

Nach den Klimadeichen auf Nordstrand und vor Büsum wird zurzeit auch in Dagebüll einer gebaut. Sind noch mehr Klimadeiche an der deutschen Nordseeküste geplant?

Jeder Deich, der in den nächsten Jahren verstärkt wird, wird nach dem Prinzip des Klimadeiches verstärkt. Und der Generalplan Küstenschutz in der Fortschreibung von 2012 weist für Schleswig-Holstein einen Bedarf von 93 Kilometern zu verstärkende Deiche aus. Davon haben wir jetzt 14 Kilometer geschafft. Da kommt also noch einiges.

Errichten auch andere Länder Klimadeiche?

Damit sind wir europaweit Vorreiter. Andere Länder machen sich selbstverständlich auch Gedanken darüber, wie sie den Meeresspiegel in ihren Bemessungen berücksichtigen, und bauen die Deiche dann dementsprechend. Aber mir ist kein Beispiel bekannt, wo - wie bei uns - mit entsprechenden Baureserven geplant wird.

Gibt es etwas, das man beim Leben am und mit dem Wasser von den Niederlanden lernen könnte?

Mit den Kollegen aus den Niederlanden stehen wir in ständigem Austausch und Dialog über Projekte und Forschungsvorhaben – etwa dazu, wie wir am besten mit der Natur bauen und den Küstenschutz so verwirklichen, dass wir nicht zwingend starre Bauwerke gegen die Natur errichten müssen. Wir profitieren sehr voneinander, wenn es darum geht, die Niederungen zu schützen. Die Niederlande haben natürlich angesichts des Land-Anteils, der unter dem Meeresspiegel liegt, noch ganz andere Herausforderungen, als wir sie hier haben.

Wie sieht denn die Zukunft der Halligen aus? Sind die in 100 Jahren verloren?

Halligen sind ein wichtiger Bestandteil des Küstenschutzes: Sie bremsen die Wucht der See, bevor sie das Festland erreicht. Wir haben ein Programm zum Schutz der Halligen aufgesetzt. Dazu gehört, dass die Hallig-Kanten fortlaufend instand gehalten und verstärkt werden – auf eine solche Weise, dass es weiterhin zu Überflutungen kommt, damit die Hallig-Oberflächen durch Schlickablagerungen mit dem Anstieg des Meeresspiegels mitwachsen können. Die Hallig-Bewohner leben ja auf Warften, auf künstlich aufgeworfenen Hügeln; deswegen haben wir außerdem ein Warftverstärkungs-Programm angeschoben. Die ersten Warftverstärkungen werden in den nächsten Jahren umgesetzt. 

Und wie steht es um das Wattenmeer insgesamt in Zeiten des Klimawandels?

Auch für das Wattenmeer haben wir eine Strategie aufgestellt, die auf die nächsten 100 Jahre ausgerichtet ist. Dafür haben sich – und auch das ist meines Wissens derzeit einmalig – wirklich alle zusammengesetzt: die fachlichen Vertreter der Landesverwaltung aus dem Natur- und Küstenschutz, Vertreter der Nichtregierungsorganisationen im Naturschutz sowie Vertreter von Gemeinden und Kommunen und wissenschaftlichen Institutionen. Gemeinsam haben wir eine Strategie entwickelt, die auch Anpassungsoptionen für das Wattenmeer beinhaltet. Wir tragen jetzt weiter Fachwissen sowie die notwendigen Daten und Informationen zusammen – damit wir für den gesamten Bereich des Wattenmeeres gut aufgestellt sind.

Mit Johannes Oelerich sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de