„Tagesschau“-Legende Dagmar Berghoff: „Ich wünsche mir eine Bestattung in der Nordsee“

Dagmar Berghoff ist seit fast 17 Jahren Witwe. Ihr Mann fehlt der früheren „Tagesschau“-Sprecherin immer noch sehr. Im Tod hofft sie auf ein Wiedersehen mit ihm im Meer, wie sie im BUNTE-Podcast verrät.

Früher, wenn es ihr manchmal nicht so gut ging, suchte Dagmar Berghoff (74) eine Wahrsagerin auf. Sie war gerade auf der Schauspielschule in Hamburg, als sie mal wieder eine Unsicherheit verspürte und Rat wollte. Die Wahrsagerin sagte ihr: „Ich sehe Sie nicht, ich sehe Sie nicht auf der Bühne, ich sehe Sie in geschlossenen Räumen.“ Ihr Gedanke war: „Oh Gott, mein Vater behält recht, ich muss doch Sekretärin werden in geschlossenen Räumen, im Büro. Erst viel später fand ich, dass das eigentlich eine ganz gute Voraussage war.“

Im Januar 2001 starb ihr geliebter Mann

23 Jahre sprach Berghoff in einem Hamburger Fernsehstudio die Nachrichten in der „Tagesschau“. Als sie 1976 begann, war sie in der von Männern dominierten Redaktion die einzige Frau. Am 31. Dezember 1999 trat sie von ihrem Posten als Chefsprecherin der ARD-Nachrichtensendung ab. Sie hatte den großen Wunsch, Zeit mit ihrem geliebten Ehemann zu verbringen.

1991 hatte Berghoff den Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Israelitischen Krankenhauses in Hamburg geheiratet. Doch nur ein halbes Jahr nach ihrem TV-Aus erkrankte ihr Mann Peter Matthaes an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wenige Monate nach der furchtbaren Diagnose starb ihr geliebter „Pit“ im Januar 2001 im Alter von 67 Jahren in ihren Armen.

Er war sowohl Arzt als auch Patient. Und als Patient hast du Hoffnung. Er sagte zu mir irgendwie immer: ‚Weißt du, ich muss nur ein bisschen mehr essen, dann schaffen wir das schon‘“, erinnert sie sich im Interview mit Nina Ruge (71) im Podcast „Das BUNTE Gespräch“. Dabei habe er genau gewusst, dass die Krankheit sein Todesurteil sein würde. „Ich glaube, dass um die Seele eine Art Kokon gelegt wird“, erklärt Dagmar Berghoff. „Damit du das erträgst, zusammen mit dem Patienten. Denn der weiß, was das ist, Bauchspeicheldrüsenkrebs. Und so ist es auch bei mir gewesen. Irgendwie habe ich mir nie vorstellen können, dass er wirklich daran sterben könnte.“

„Man kann dann wieder leben“

Noch drei Monate nach dem Tod ihres Ehemanns habe sie sich „in Schockstarre“ befunden. „Ich bin kaum rausgegangen und habe mich ganz, ganz graumäusig gekleidet“, erzählt sie. „Ich musste erstmals wieder meine einzelnen Teile zusammensetzen. Ich habe mich gefühlt wie ein Mensch, der auseinandergebrochen ist.“

Ein Kollege habe sie animiert, wieder zu arbeiten, nachdem sie auch ihre anderen TV-Produktionen wie „Heimat in der Ferne“ abgesagt hatte, um an der Seite ihres Mannes zu sein. Der Job habe sie abgelenkt und ihr geholfen, den
Schmerz einigermaßen zu ertragen. „Und noch etwas: Ich habe schon gemerkt, dass die Zeit dein Freund ist. Nicht, dass das weggeht, aber mit jedem Tag, nach jedem Monat, später sogar nach jedem Jahr wird es lebbarer. Man kann dann wieder leben“, sagt sie.

Doch Dagmar Berghoff nahm auch professionelle therapeutische Hilfe in Anspruch, um ihren schweren Verlust zu bewältigen. „Ich konnte nicht glauben, dass Pit tot ist“, sagt sie. „Irgendwann im Mai, mein Mann ist Ende Januar gestorben, sagte eine Freundin: ,Ich warte auf meinen Mann, der kommt heute aus New York.‘ Und dann sagte ich: ‚Ich warte auch auf meinen Mann.‘ Worauf sie sagte: ‚Wie?‘ Und dann habe ich gemerkt, irgendwas läuft hier wohl gerade schief. Durch Vermittlung bin ich zu einer sehr guten Therapeutin gekommen, die mir das Wort ‚Witwe‘ beibrachte. Ganz schmerzhaft. Witwe. Ich war eine Witwe. Das war auch wieder ein Schock für mich, dass ich eine Witwe bin. Doch als ich das begriffen hatte, konnte ich akzeptieren, dass er gestorben war.“

Sie will ihrem Mann „hinterherschwimmen“

„Die Wunde“ aber bleibe für immer bestehen, macht sie deutlich. „Ich habe mir das immer so vorgestellt, dass die Zeit eine Art Balsamtuch über diese Wunde legt. Und dann wieder eines. Und noch eines. Und noch eines. Dann wird der Schmerz ein bisschen abgefedert. Und das ist so.“

Wo geht sie heute hin, wenn sie an ihren Mann denkt, fragt Nina Ruge. Schließlich hatte ihr Mann eine Bestattung auf See gewählt. „Ja, er wollte das so. Das finde ich auch gut. Denn an jedem Strand, an dem ich bin, oder besonders in der Zeit nach seinem Tod, da habe ich mich gefragt, Pit, bist du das jetzt, die Welle, die da gerade kommt? Nee, die ist zu sanft. So sanft bist du nun auch nicht. Oder diese da, die ist zu überbrechend, das bist du auch nicht. Das war ein Trost.“

Dagmar Berghoff hat für ihren eigenen Tod auch schon genaue Vorstellungen: „Ich werde das auch machen, mich seebestatten lassen, möglichst an demselben Ort wie mein Mann, und ihm hinterherschwimmen. Er wollte unbedingt in die Nordsee, um runter in den Indischen Ozean schwimmen zu können sozusagen. Als Partikelchen. Und nicht in die Ostsee. Nee, Nordsee. Das ist handfester.“ Glaubt sie wirklich an ein Wiedersehen? „Ich bin nicht gläubig. Das hat sich nicht verändert“, antwortet Dagmar Berghoff. „Aber es ist irgendwie ein tröstlicher Gedanke, dass man hinterherschwimmt.“